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Unser großer Auftritt in Kanisa Kuu

Autor: Nadine | Datum: 08 Dezember 2011, 19:32 | Kommentare deaktiviert

Nachdem wir lange davon gesprochen und in der letzten Woche jeden Tag geprobt hatten, war es dann am Sonntag endlich soweit. Der Kwaya ya vijana (Jugendchor) hatte seinen groβen Auftritt in Kanisa Kuu. Und ich mitten drin.

Aber ich fang mal ganz von vorne an: der Chor, in dem ich singe, gehört zur Gemeinde Kashura und singt sonntags immer in der Kirche in Kashura, die von meinem Zuhause keine zwei Minuten entfernt ist. Wie ich schon eher mal versucht habe zu beschreiben, liegt Kashura etwas auβerhalb der Stadt, den Berg hinauf. Es gibt in der Stadt nämlich noch eine andere, gröβere Kirche, Kanisa Kuu. In der durfte der Kwaya ya vijana aus Kashura nun am letzten Sonntag auftreten. Bereits am Freitag wurde die Chor-Uniform an alle verteilt. Wir haben dieses Mal nämlich nicht schwarz-weiβ getragen, wie bei sonstigen Auftritten, sondern ein besonders Outfit, das für jeden individuell geschneidert wurde. Für die Mädchen ist das ein fliederfarbenes Kleid (oder zumindest glaube ich, dass man die Farbe „flieder“ nennen kann). Ich werde Fotos hochladen, dann könnt ihr es euch angucken.

Es hieβ, dass wir in beiden Gottesdiensten singen werde. Der erste beginnt um 7.30 Uhr. Auf dem Weg in die Stadt habe ich natürlich gleich ein anderes Mitglied aus dem Chor getroffen und wir sind zusammen gegangen. Auf dem Weg haben wir schon bewundernde Blicke für unser Outfit erhalten.

Für mich war es der erste Gang in Kanisa Kuu und ich war wirklich beeindruckt von der modernen Bauweise, der Gröβe und Schönheit dieser Kirche. Sie steht einer modernen Kirche in Deutschland in nichts nach. Vor allem war ich aber beeindruckt, dass vor dem Altar eine Leinwand aufgebaut war und davor ein Beamer mit Laptop stand. Wer dachte, dass es so etwas in Afrika nicht gibt, den muss ich eines besseren belehren.

Der Grund dafür war, dass Tanzania am 9. Dezember, also morgen, vor 50 Jahren seine Unabhängigkeit erlangt hat. Dieser besonderer Tag wurde am letzten Sonntag im Gottesdienst gefeiert. Beamer und Leinwand dienten dazu Lieder wie die tansanische Nationalhymne an die Wand zu werfen.

Im ersten Gottesdienst haben neben unserem Chor noch zwei weitere Chöre gesungen. Wir sind zusammen mit den Pastoren ein- und nach dem Gottesdienst ausgezogen. Jedes Chormitglied hat eine Soda (Cola, Fanta oder Sprite) bekommen, die schnell ausgetrunken und ist wieder in die Kirche gegangen, zum zweiten Gottesdienst. Neben den Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit gab es in diesem Gottesdienst noch Konfirmationen. Ich kann es schlecht schätzen, aber ich würde sagen, dass bestimmt 80 Kinder konfirmiert wurden. Der Pfarrer hat in der Predigt, wie ich finde sehr schön, die Unabhängigkeit Tanzanias und die der jungen Leute kombiniert.

Unsere Auftritte mit dem Chor haben wirklich sehr gut geklappt. Ich habe richtig dazugehört. Nicht nur, weil ich das gleiche Kleid wie alle anderen im Chor anhatte. Das hat schon signalisiert, dass ich nicht „nur“ irgendein Mzungu bin, sondern ein vollwertiges Mitglied des Chores, der Gemeinschaft. Sondern auch, dass sich alle um mich kümmern, um mich besorgt sind und mir helfen. „Hier geht’s lang, Nadine.“ „Wir singen jetzt dieses Lied.“ „Nadine, komm, wir gehen jetzt zusammen nach Hause.“ Das Beste fand ich, dass wir die Nationalhymne zusammen gesungen haben. Den Text schreibe ich hier mal hin, weil ich ihn wirklich schön finde.

Mungu ibariki Afrika,

Wabariki viongozi wake,

Hekima, umoja na amani,

Hizi ni ngao zetu,

Afrika na watu wake.

Ibariki, Afrika,

Ibariki, Afrika,

Tubariki, Watoto wa Afrika.

Mungu ibariki Tanzania,

Dumisha uhuru na umoja,

Wake kwa waume na watoto,

Mungu ibariki,

Tanzania na watu wake.

Ibariki, Tanzania,

Ibariki, Tanzania,

Tubariki, Watoto wa Tanzania.

Der Pastor hatte gesagt, dass wir dabei die Hand aufs Herz legen. Ich habe dann auch gleich, ohne nachzudenken, meine linke Hand aufs Herz gelegt, wurde dann aber von meiner Nachbarin darauf aufmerksam gemacht „Nadine,mkono kulia, weka hapa.“ Nimm die rechte Hand aufs Herz. So stand ich dann da, singend „Gott segne Tanzania“ und fühlte mich schon sehr dazugehörig.

 

Das beste kommt aber noch. Diese Woche proben wir wieder jeden Tag, weil wir am Samstag erneut einen groβen Auftritt haben, bei der Hochzeit des Pastors. Davon berichte ich dann beim nächsten Mal. Bei der Probe am Montag wurde dann noch mal gesagt, wie gut wir alle gestern beim Auftritt in Kanisa Kuu waren. Dann meinte unser Lehrer „Dada huyu (und zeigt dabei auf mich) amecheza vizuri kabisa!“ Er hat erzählt, dass er Montag schon von vielen Leuten darauf angesprochen wurde, dass der Mzungu im Chor aus Kashura wirklich super getanzt hätte. Er meinte, dass die Leute gesagt hätten, wenn es kein Mzungu wäre, hätte man gar keinen Unterschied sehen können! Ein größeres Kompliment konnte ich nicht bekommen!

Ich komme hier also immer besser in alles rein. Die anderen Mitglieder des Chores, meine schärfsten Kritiker, wenn es um die Sprache geht, haben mir diese Woche schon mehrmals gesagt, dass ich schon gut Kiswahili kann. Im Vorfeld hieβ es immer, dass wir nach drei Monaten super die Sprache beherrschen würden. Als ich hier ankam, habe ich immer gedacht, dass schaffst du nie. Die drei Monate sind schon bald um. Du kannst es immer noch nicht. Als ich dann irgendwann aufgehört habe, ständig daran zu denken, ist mir allmählich bewusst geworden, wie viel ich doch schon kann. Ich will jetzt nicht behaupten, ich wäre super gut in Kiswahili. Ich bin aber deutlich besser als vor einigen Wochen und Monaten.

Ich habe mir jetzt ein super schickes tansanisches Outfit von Aziza, Lilians Freundin und Schneiderin, schneidern lassen. Das macht einfach solchen Spaβ seine Vorstellungen aufzumalen und nachher ein fertiges Stück in der Hand zu halten. Bei den letzten Besuchen bei Aziza habe ich auch gemerkt, wie viel mehr ich mich unterhalten kann, als kurz nach meiner Ankunft hier. Ich kann ihr genau sagen, wie ich alles haben will. Auβerdem sagt mir jetzt jeder, den ich treffe, wie gut ich aussehe und wie toll sie meinen Dress finden.

Gerade heute hieβ es bei HUYAWA „Nadine, unajua kufanya kazi vizuri.“ (Du weiβt, wie man gute Arbeit macht.) Zur Zeit werden die Planungen für nächstes Jahr gemacht und wir versuchen langsam aber sicher mit der Datenbank voranzukommen. Dieser obige Satz stammt aus diesem Zusammenhang, weil ich bei der Datenbank die Geschichte der Familien kurz in den Computer eingeben muss. Ich soll aber nicht alles, was auf dem Papier steht stumpf abtippen, sondern es kurz und knackig aufschreiben. Gerade heute habe ich ihnen noch mal versichert, dass ich erst alles lese und dann entscheide, wie ich es aufschreibe und gegebenenfalls umformuliere, eine gute Übung für mich.

Als ich vor drei Wochen von einem Mitglied des Chores zur Konfirmation seiner Cousine eingeladen wurde, die Feier war im Dorf bei der Familie zu Hause, wurde ich dort als „der Gast aus Kashura“ begrüβt und nicht als der „Mzungu aus Deutschland“.

Heute hat Bischof Buberwa nach der Morgenandacht allen einen schönen Unabhängigkeitstag morgen gewünscht und ist noch einmal kurz auf die Bedeutung und den Hintergrund des Feiertages eingegangen. Danach wurde die tansanische Nationalhymne gesungen, von der ich zugeben muss, dass ich sie noch nicht ganz auswendig kann. Anschlieβend wurde auch noch das obige Lied gesungen. Dazu meinte der Bischof, dass einer mir mal im Gesangbuch (daran steht das Lied auch) die richtige Seite aufschlagen soll, damit „unsere Tochter Nadine“ (er hat wirklich gesagt „Binti yetu Nadine“) auch mitsingen kann. Irgendwie hat er damit schon recht, so freundlich, wie sie mich alle aufnehmen.

Dies alles gibt mir so nach und nach das Gefühl, hier richtig angekommen zu sein und in alles immer weiter hereinzukommen. Es gibt auch Dinge, die noch ihre Zeit brauchen, aber ich bin sehr zufrieden mit mir und fühle mich wirklich wohl.

Ich wünsche euch allen eine schöne Advents- und Vorweihnachtszeit.

Nadine